Brauche ich ein Makro-Objektiv?

Der gemeine Foto-Enthusiast freut sich ja eigentlich immer über neues Spielzeug neue Werkzeuge und Arbeitsmittel. Neue Umstände bringen neue Herausforderungen mit sich, denen nur mit neuer Ausrüstung begegnet werden kann. Beispiel: Detailaufnahmen von diesem oder jenem – das geht ohne Makro-Objektiv doch überhaupt nicht! Oder etwa doch?

Ohne Zwänge etwas bestimmtes tun zu müssen und ohne entsprechende Erwartungen, probiert man ja durchaus gern mal Neues aus. In der vergangenen Zeit hatte ich so, zumindest in meiner Freizeit, die Kamera deutlich seltener in der Hand gehabt als Kochlöffel, Bratpfanne & Co., doch früher oder später kommt wohl der Moment, in dem alle Beschäftigungen wieder zusammentreffen: Ich stellte fest, dass die kulinarischen Zauberwerke und Köstlichkeiten nicht nur gut schmeckten sondern manchmal optisch auch gar nicht schlecht aussahen. Dazu kommt, dass das große Dachfenster in der Küche ein oftmals wunderbares Licht auf den Esstisch zaubert. Das schreit doch regelrecht danach einige Schritte im Bereich der Food-Fotografie zu wagen!

Das wiederum verlangt doch sicher nach Details und engen Ausschnitten – ein Makro-Objektiv muss her! Ein wenig gereizt hat es mich ja schon lange, um nicht zu sagen schon immer. Mit der Investition und der Entscheidung selbst tat ich mich jedoch mehr als schwer: Sollte die Brennweite irgendwo in der Nähe der Normalbrennweite liegen oder ist der Makro-Klassiker mit 105 Millimetern doch die bessere Wahl? Original von Nikon oder doch eine Alternative von Sigma?

Gelegentlich liest man, dass das 2,8/105mm-Makro von Sigma*
sogar etwas besser sein soll als das von Nikon*. Dass es mindestens ähnlich gut ist, glaube ich gern. Über mein 2,8/70-200mm-Tele* kann ich schließlich auch nicht klagen. Aber die Preise sind für eine nicht vorgesehene Ausgabe doch eine beachtliche Hausnummer. Reicht nicht auch schon ein Objektiv mit Normalbrennweite? Da wäre das originale Nikon-Objektiv mit 60 Millimeter Brennweite* immerhin ungefähr so teuer wie das lichtstarke Tele von Sigma, sofern man ein gutes Angebot findet. Und ein Sigma mit 50 Millimetern* kostet wiederum ganz grob überschlagen nur etwas mehr als die Hälfte (kleinliche Rechnungen auf den Cent genau kommen in dem Zusammenhang ja noch früh genug).

Die (In-)Fragestellung

Das waren dann doch zu viele Möglichkeiten. Vom eigentlichen Plan „Makro-Objektiv“ bin ich immer weiter abgerückt bis ich es letztendlich gänzlich in Frage gestellt habe, mehr oder weniger objektiv. Das „haben wollen“-Gefühl muss eben ab und an unterdrückt werden (vor allem wenn es parallel noch andere Dinge gibt, die es auslösen). Fassen wir also noch einmal zusammen: Ich wollte mich eigentlich nur mal in Food-Fotografie ausprobieren und denke, dass es gut wäre dafür ein Makro zu haben – ohne es aber wirklich genau zu wissen.

Das war genau der Ansatzpunkt! Ist es vielleicht auch möglich für mich zufriedenstellende Ergebnisse mit den vorhandenen Objektiven zu erzielen? Probieren wir es einfach aus! Ab in die Küche, Teller auf den Tisch und einen Technik-Park aufgebaut.

Die Kandidaten

Vor meinem schnellen und spontanen Experiment wollte ich nun nicht noch groß die technischen Daten wälzen und nach kürzesten Naheinstellgrenzen fahnden. Also habe ich schlicht und ergreifend alles, was irgendwie sinnvoll sein könnte in die Küche geschleppt: Festbrennweiten mit 50 und 85 Millimetern und ein Arsenal von Zoom-Objektiven. Nur Weitwinkel habe ich ob der beabsichtigten engen Ausschnitte erst einmal außen vor gelassen und auch immer nur die längste Brennweite ausprobiert, schließlich wollte ich dicht an das Objekt der Begierde heran – ohne auch selbst mit auf dem Teller Platz nehmen zu müssen. Ausprobiert habe ich also die folgenden Brennweiten: 50, 70, 80, 85, 120 und 200 Millimeter.

Die Resultate

Eine der ersten Erkenntnisse war, dass die Festbrennweiten zu lange Naheinstellgrenzen haben und ich den gewünschten Bildausschnitt kaum erzielen kann. Das könnte früher oder später ein Argument für ein entsprechendes Makro-Objektiv werden, aber der Test war ja noch nicht fertig.

Der nächste Kandidat war dann eben das Telezoom. Volles Rohr ging ich mit 200 Millimetern auf den Teller los und trat sogleich den Rückzug an. Als ich schon fast vor der Küchentür stand, ließ sich das Objektiv davon überzeugen doch zu fokussieren. Im Ergebnis war ich nur unwesentlich dichter am Motiv als mit den vorher ausprobierten Festbrennweiten. Beobachtung am Rande: Das Ergebnis mit 200 Millimetern unterschied sich vom 85mm-Bild nicht einmal merklich in Sachen Hintergrundunschärfe. Kurz: Das war wohl nix.

Das Unterfangen würde also ein Fall für die Standard-Zooms werden. Der Begriff „Brot und Butter“-Linse könnte eine völlig neue Bedeutung bekommen!

Kandidat Nr. 1: Tokina 2,8/28-80mm

Tokina 2,8/28-80mm bei 80mm mit f/4
Tokina 2,8/28-80mm bei 80mm mit f/4

Na holla! So in der Art haben wir uns das doch schon eher vorgestellt. Der Teller mit den Test-Nudeln steht deutlich im Vordergrund. Damit könnte ich schon gut leben. Im Urlaub vor zwei Jahren ist das alte Tokina-Objektiv fast auseinandergefallen, es wurde daraufhin verbannt und eigentlich nur noch mit meiner Nikon FM2 genutzt (Blendenring!!!). Doch nach diesem Ergebnis war ich versöhnt. Der Autofokus ist laut, aber es macht was es soll und ich bin zufrieden. Das gute alte Tokina… Ich wusste von Anfang an, dass wir gute Freunde werden würden… Überlegte ich ersthaft mir irgendein neues Makro-Objektiv zuzulegen?!

Kandidat Nr. 2: Nikon 4/24-120mm*

Nikon 4/24-120mm bei 120mm mit f/4
Nikon 4/24-120mm bei 120mm mit f/4

Auch mein früheres „Immerdrauf“ fristete in der letzten Zeit ein Schattendasein, seit es vom „King“ 2,8/24-70mm abgelöst wurde. Doch der Teller mit den Nudeln gibt jedem seine Chance. Und ein weiteres Mal war ich sehr angetan von einem lange nicht genutzten Objektiv. Die Unschärfe im Hintergrund war ja sehr nach meinem Geschmack und unwillkürlich ging mir durch den Kopf wie froh ich sein kann, dass ich mich von dem Objektiv nicht schon getrennt habe. Schon manchmal habe ich das lange Ende vermisst, doch es war nicht zur Hand, da mussten dann eben 70 Millimeter reichen. Hier war es jedoch anders und prompt konnte es unter Beweis stellen was es zu leisten vermag. Makro? Nicht dafür!

Kandidat Nr. 3: Nikon 2,8/24-70mm*

Nikon 2,8/24-70mm bei 70mm mit f/4
Nikon 2,8/24-70mm bei 70mm mit f/4

The Boss – was soll das Objektiv der Objektive jetzt noch reißen, nachdem das 24-120 so vorgelegt hat? Am Bildausschnitt ändert sich im Grunde nichts mehr, doch die Unschärfe im Hintergrund! Man kann es nicht anders sagen: DAS Standardzoom ist über jeden Zweifel erhaben. Es tut genau das was ich mir vorgestellt habe. Nichts hinzuzufügen.

Fazit

Natürlich ist mir bewusst, dass mein kleiner Test nicht wissenschaftlich korrekt ist. Es fehlen ja schon allein die Test-Charts. Auch habe ich nicht das eingangs gelobte Licht verwendet sondern einen Nikon SB-700* und auch die Aufnahme-Position war nicht fixiert. Alles ein bisschen „husch husch“, die Ergebnisse sind am Ende vielleicht damit nur eingeschränkt vergleichbar, wenn man sie auf die Goldwaage legt.

Darum sollte es aber hier auch gar nicht gehen. Vielmehr stand im Vordergrund, vor einer Investition erst einmal zu gucken, ob sie tatsächlich unbedingt sein muss oder ob sich die gewünschten Ergebnisse auch mit vorhandenen Mitteln erreichen lassen.

In diesem Fall ging es in der Tat. Brauche ich also ein Makro-Objektiv? Nein, eigentlich nicht – zumindest vorerst. Ich kann mich also ganz anderen Dingen widmen, zum Beispiel dem Licht. Doch das ist wieder ein ganz anderes Thema…

Und wenn es doch einmal näher werden soll, gibt es ja auch noch die Versuche zur Makrofotografie von Markus…

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Über den Autor: Andreas Siegel

Fotografisch beschäftigen mich vor allem Konzerte und Tanz. In der Freizeit bleibt neben dem Medieninformatik-Studium in der Endphase im Moment wenig Zeit für ausführliche Fototouren. Wenn sich aber doch einmal die Gelegenheit bietet, mag ich es auch sehr völlig entschleunigt mit einer meiner zahlreichen (teilweise nahezu historischen) analogen Kameras unterwegs zu sein.

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