Jaaaa, er lebt noch!

Damit ist natürlich nicht der Holzmichl gemeint. Vielmehr der Verschluss meiner D80, der nun seit der schweren Operation bereits diverse Experimente im heimischen Studio und sogar eine Tour durch Schottland überlebt hat.

Schottisches Tal in den Highlands

Schon lange wollte ich mal diese schicken Langzeitbelichtungen von Wasser ausprobieren, die man auf einschlägigen Portalen zu Hauf findet. Wenn man das mit Tageslicht machen will, kommt man um einen Graufilter nicht herum, um die lange Verschlusszeit von 20-30 Sekunden zu ermöglichen. Für diese Filter kann man einen ganzen Batzen Geld lassen, wenn man auf hochwertige Markenprodukte setzt. Für ein Experiment ungewissen Ausgangs wollte ich aber nicht gleich arm werden. Nun musste das gute Stück also ein weiteres Mal meine Sparfüchsigkeit über sich ergehen lassen und durch das Objektiv einen Billig-Graufilter der übelsten Sorte erblicken: Einen Vario ND2-400 aus Fernost für einen läppischen Zehner aus der Bucht. Im Prinzip nichts weiter als zwei billige Polfilter (ein zirkularer und ein linearer, drehbar zusammenmontiert). Kann doch so schwer nicht sein, oder?

Zwei bis neun Blendenstufen Abdunklung ohne Farbverfälschung verspricht die Beschreibung. Eines gleich vorweg, wenn das ohne Abstriche wahr wäre, gäbe es keine Markenprodukte. Das war mir auch vorher klar, ich wollte aber doch einfach mal wissen, wie viel schlechter so ein furchtbar billiges Teil ist. Also bin ich damit auf Wünschelroutentour gegangen und habe als erste Anlaufstelle die Elbe in Dresden auserkoren. Das unruhige Wasser wollte ich einfach mal mit einer langen Belichtung schön glattziehen.

Dresdner Elbtal

Brunnen mit weichem WasserWie man sieht, funktioniert das auch. Bei einer Blende von f/29 und dem Filter auf das ungefähre Maximum (mehr dazu gleich) konnte ich bei recht sonnigem Licht (nicht überall waren Wolken) 15 Sekunden lang belichten. Auch an Brunnen erzielt die Abdunklung die gewünschte Wirkung. Das Brunnen am AlbertplatzTitelbild wurde zum Beispiel bei f/25 20 Sekunden lang belichtet.

Dresdner NeumarktAuch um Personen aus dem Bild zu bekommen, kann man so eine Langzeitbelichtung verwenden, wenn sie nicht gerade im Schneckentempo vor der Kamera herumlungern. Beim Neumarkt in Dresden bin ich bei f/36 auf 30 Sekunden gekommen. Auch witzige Spielereien wie Zoom-Blur lässt sich damit problemlos auch bei Tageslicht realisieren.

Hier habe ich innerhalb der 1.6s Belichtungszeit bei Blende f/7.1 von 24mm auf 18mm gedreht, wobei der Hauptanteil der Belichtung bei 18mm stattfand. Damit bekommt man interessante Streifen an Wolken und Bäumen. Muss man aber mögen. Wenn man also jetzt noch ein wenig Übung darin bekommt, die richtigen Motive und Perspektiven zu bekommen und viel Geduld mitbringt, kann man damit tatsächlich arbeiten.

Brunnen am Albertplatz im Zoom-Blur

Irgendwas ist immer…

Die etwas ungenaue Skala am Vario-GraufilterDoch so märchenhaft ist es natürlich am Ende dann doch nicht. Ich erwähnte oben schon das ungefähre Maximum. Der Filter hat an der Seite eine Skala, an der man im Optimalfall ablesen kann, welchen Grad der Abdunklung man gerade verwendet. Das Problem ist, dass man die im Prinzip auch hätte weglassen können. Das Minimum ist nicht bei „MIN“, das Maximum nicht bei „MAX“ und konkrete Werte kann man zwischendrin nicht ablesen. Das heißt schonmal, dass man die erforderliche Belichtungszeit erstmal würfeln muss und dann gegebenenfalls korrigieren. Dass das Maximum nicht bei „MAX“ ist, stellte sich aber als das weitaus schlimmere Problem heraus, denn wenn man nicht aufpasst, bekommt man so ein hübsches Produkt:

Deutlich sichtbare Abschattungsbögen bei Übertreibung

Ab einem gewissen Punkt kommen zwei wunderliche Bögen ins Bild. Dieser Punkt liegt aber leider auf dem Weg zu „MAX“. Allerdings hatte ich diesen Effekt nicht bei allen Bildern, wo ich an die Grenze gegangen bin. Irgendwann fiel mir auf, dass das abhängig von der Brennweite ist (ja ich weiß, eigentlich logisch). Bei den obigen 18mm schlägt der Teufel voll zu, bei 55mm hingegen gar nicht. Diesen Umstand habe ich zur Motivation genommen, mal die tatsächliche Verdunklung abhängig von der Brennweite herauszufinden.

Getränkefach ohne Filter bei 18mmDazu habe ich mein hübsches Getränkefach im Regal als Model benutzt und einfach mal von ohne Filter bis Maximum und von 18mm bis 55mm alles durchprobiert. Heraus kamen etwa 6 Blenden Abdunklung für 18mm und tatsächlich knapp über 9 für 55mm. Die neun Blenden stehen bei mir bis etwa 40mm zur Verfügung.

Danach kommt der Bogen ins Bild:

DSC_4112

 

55mm Ausschnitt ohne Filter

55mm Ausschnitt bei maximal möglicher Einstellung

Bei 55mm sieht die Sache ganz anders aus. Zwischen der nackten Aufnahme (links, f/5.6, ISO 100, 1/8s) und der stärksten erreichbaren Einstellung (rechts, f/5.6, ISO 1600, 30s) liegen nach Belichtungsangleichung in Lightroom immernoch 11 Blendenstufen, auch wenn oben rechts ein ganz leichter Schatten erkennbar ist. Damit kommt man auf jeden Fall auf 9-10 nutzbare Blendenstufen für 55mm. An die neun komme ich allerhöchstens bis etwa 22mm mit einem zusätzlichen Polfilter, sonst setzt bereits die Vignettierung ein.

Fazit

IMGP0375Eines weiß auch ich: You get what you pay for. Aber manchmal ist eben das, was man für sehr viel weniger Geld bekommt nur ein bisschen weniger nützlich. Ich denke, für wirklich lange Langzeitbelichtungen werde ich früher oder später doch zu einem anständigen ND1000 greifen, der berechenbar ist. Denn die Raterei, wo nun das Maximum liegt (für 18mm genau zwischen Pfeil und „MAX“, für 55mm irgendwo näher an „MAX“) und dann noch die Würfelei, welche Belichtungszeit daraus resultiert, ist nicht sonderlich praktikabel. Zumal Weitwinkel meine bevorzugte Anwendung für diese Art Fotos wäre. Allerdings gibt es noch andere Einsatzgebiete für diese Teile: Weit aufgerissene Blende bei sehr heller Umgebung. Bei geringen Einstellungen funktioniert die Automatik der Kamera immernoch zuverlässig und so kann man in Grenzsituationen auch noch offenblendig arbeiten. Der Zehner ist also in keinem Fall in den Sand gesetzt, zum Testen und bis zu 5-6 Blendenstufen ist das Teil tatsächlich einwandfrei.

 

Über den Autor: Markus Partheymüller

Eigentlich bin ich ja Informatiker. Mittlerweile interessiere ich mich allerdings auch mehr und mehr für die Fotografie, unter anderem auch für Basteleien für den etwas kleineren Geldbeutel.

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