Eine D80 in den Händen eines Chirurgen ohne Approbation

Diese milden Worte dürften nett umschreiben, wie es meiner D80 die letzten Tage erging. Alles fing an, als ich mitten beim Fotografieren plötzlich „Err“ auf dem Display stehen hatte und kein Foto mehr möglich war. Auch ausgiebiges Zurücksetzen, Objektivwechseln, Drehen und Schütteln konnte daran nichts mehr ändern. Von einem Moment auf den anderen war die Kamera im Koma. Alles funktionierte noch, nur schien es, als ginge der Vorhang nicht mehr auf. Die Nikon erkannte das auch intern und quittierte ihren Dienst.

Doch Moment – das mit dem Schütteln.. Dabei fiel mir ein merkwürdiges dezentes Rasseln im Inneren der Kamera auf, das da vorher nicht war. Hilft alles nichts, eine Internetrecherche muss her.

Die Diagnose

Nach nicht allzu langem Suchen fand ich neben den üblichen Verdächtigen (Objektivkontakte, Resets, etc.) auch einen interessanten Artikel im Forum nikon-fotografie.de (wer dort angemeldet ist, in diesem Thread). Dort ist von einem sehr verbreiteten Defekt am Verschlussmechanismus die Rede. Vereinfacht (und so wie ich es verstanden habe) gesagt, durchläuft der Verschluss einen Zyklus von zwei Zuständen, wobei ein kleines Zahnrad mit Kontakten der Kamera die Information liefert, in welchem sie sich gerade befindet. Diese Kontakte sind mit Plastiknieten am Zahnrad befestigt, welche sich gerne im Laufe der Zeit irgendwann verabschieden. Die Folge ist, dass die Kontakte nicht mehr richtig funktionieren und die Kamera einfach nicht mehr weiß, wo sie ist. Die DIY-Lösung ist relativ einfach: Kontakte wieder befestigen (kleben) und das wars schon. Dafür muss allerdings die Kamera weitgehend zerlegt werden, weshalb die Schätzung der Reparaturkosten sich im Bereich 200-300 EUR tummelt. Das ist im Falle der D80 ganz klar ein wirtschaftlicher Totalschaden.

Der Behandlungsplan

Wer mich kennt, ahnt es – das lasse ich nicht auf mir sitzen. Wenn das Teil schon hinüber ist, werfe ich das mit Sicherheit nicht einfach so weg. Schlimmer kann es ja nicht mehr werden, die Reparatur lohnt sich nicht, also gibt es nur eine Lösung. Selbst aufschrauben und das Beste versuchen ist angesagt. Mein Plan war, mich so gut es geht an bestehende Anleitungen zu halten und zumindest herauszufinden, ob es wirklich dieses Problem ist. Wenn ja, wird ein Reparaturversuch unternommen und mit ein bisschen Glück bleibt mir die Gute noch ein Weilchen erhalten. Was folgte, war eine schwerwiegende Operation am komatösen Patienten – durchgeführt von einem Laien, zumindest was DSLRs angeht.

Die Operation

OperationstischAlles war vorbereitet: OP-Besteck, Beleuchtung sowie Video-Aufzeichnung. Die ersten Schritte gingen sogar gut von der Hand, die äußere Hülle der Kamera zu entfernen ist nicht besonders kompliziert. Dahinter verbirgt sich jedoch eine irre Ansammlung von Flachband- und Miniaturkabeln, Platinen und eine ganze Kompanie an verschiedenen Schrauben. Die Details spare ich mir hier, allerdings habe ich ein paar Lehren gezogen:

  • Blitzkondensator sorgfältig entladen und auf Spannung prüfen: Da ich mich beim Messen leider offenbar vertan habe, hat mir das Teil ordentlich eine gewischt.
  • Äußerst diszipliniert Schräubchen sortieren, damit man später weiß, wohin sie gehören.
  • Nur Schrauben lösen, die auch wirklich wegmüssen.
  • Schrauben sehr zart behandeln, leider habe ich in meinem Frust zwei Gewinde ins Nirvana befördert. Die Folge sind Narben…
  • Störende Käbelchen ablöten, bevor sie abreißen.

Das Operationsergebnis

Corpus DelictiIm Bild oben kann man gut erkennen, dass eine der beiden Plastiknuten abgebrochen ist. Dieses Reststück habe ich ein wenig erhitzt und dort wieder platziert, außerdem ein Tröpfchen Sekundenkleber zur Fixierung. Ergebnis ist dann, dass der Kontakt wieder funktioniert und die Kamera wieder Bilder machen sollte. Genau genommen ist es allerdings das Ergebnis einer Folge von Operationen. Denn leider habe ich beim ersten Zusammenbau zwar den ursprünglichen Fehler beseitigt, dafür aber den Verschlussmechanismus offenbar nicht korrekt wieder zusammengebaut. Denn nach einer Auslösung hing der Spiegel auf halb Acht und wollte nicht mehr. Also das ganze von vorn, die abgehauene Feder wieder korrekt platzieren (erstmal vor allem „korrekt“ definieren) und streng nach Anleitung im Service-Manual die Verschlusseinheit „initialisieren“. Problem dabei: Das Service-Manual hat man natürlich nicht. Allerdings fand ich irgendwie in meinem nächtlichen Tran die Vorgehensweise beschrieben und konnte so für mich zufriedenstellend den Mechanismus wiederherstellen. Die kleinen Widrigkeiten beiseite, das Ding wachte auf und machte Fotos. Allerdings scheint im Koma seine Sehkraft nachgelassen zu haben, denn das, was der Autofokus da ansteuerte, war jenseits von Gut und Böse. Also am nächsten Morgen ab in die Nachbehandlung…

Operationschaos

Die Nachsorge

Mit unscharfen Fotos habe ich natürlich nur marginal etwas gewonnen, zumal der MF-Schalter nicht mehr 100%ig funktioniert und ich mehr oder weniger auf AF angewiesen bin. Also mal wieder Ursachenforschung: Was kann dafür verantwortlich sein, dass der Autofokus dermaßen daneben liegt? Mir dämmerte noch in der Nacht das Problem: Um die doofe Feder wieder anzubringen, habe ich in meiner großen Dummheit den AF-CCD Sensor demontiert und später wieder angeschraubt. Das waren allerdings keine normalen Schrauben, sondern geschraubte Federn. Soll heißen, mit der Stellung der Schrauben wird der AF justiert. Glücklicherweise kommt man an just diese Schrauben durch alleiniges Demontieren der Bodenplatte heran, sodass ich mir und der Kamera ein erneutes Schlachten ersparen konnte. Mittels Versuch habe ich festgestellt, dass bei ganz angezogenen Schrauben der Fokus viel zu weit vorne liegt und durch Lösen der Schrauben immer weiter nach hinten rückt. Nach etwas Herumprobieren habe ich ein Ergebnis, mit dem ich erstmal zufrieden bin und bei Bedarf weiß, wie ich es mit viel Geduld und Spucke vielleicht noch etwas besser hinbekomme.

Auswertung

Der Chirurg gewinnt mit dieser Operation keinen Nobelpreis. Die Narben sind deutlich, die Präzision und Disziplin während des Eingriffs ließen zu wünschen übrig. Abgesehen von der minimalen Sehschwäche und dem verwirrten MF-Schalter (in MF-Stellung wird zwar der Stangenantrieb korrekt versenkt, allerdings versucht der Motor trotzdem zu Fokussieren) kann allerdings zu Gute gehalten werden, dass wieder akzeptable Bildergebnisse erzielt werden. In Anbetracht der Ausgangssituation (Kamera quasi tot) ist dieses Ergebnis dank keinerlei Kosten durchaus zufriedenstellend. Schließlich ist es ja kein Mensch.

Die Moral von der Geschicht

Endergebnis

Der geneigte Leser wird sich zurecht fragen, ob sich der Aufwand für eine etwas in die Jahre gekommene Kamera überhaupt lohnt. Ohne Zweifel ist die Arbeitszeit selbst für Profis enorm (2-3 Stunden, wenn man wirklich gut und geübt ist, in meinem Fall waren es ein „paar“ mehr) und wenn man sich zwischen Geld verdienen und Kamera reparieren entscheiden muss, muss die Vernunft zu Gunsten der Arbeit entscheiden. Wenn man allerdings wie ich auch mal eine Nacht dafür opfern kann und dadurch nicht um Kamera und/oder einiges an Geld trauern muss, ist so eine Freischussreparatur durchaus eine Alternative. Nebenbei ist der Lerneffekt natürlich relativ groß. Es muss allerdings klar sein, dass die Kamera definitiv gebrauchsunfähig ist und die professionelle Reparatur den Wert deutlich übersteigt. So hoffe ich, dass mich die D80 noch eine Weile begleiten kann und die Mühen nicht vergeblich waren. Respekt vor der Konstruktion dieser Geräte habe ich aber mittlerweile – nicht zu knapp.

 

Über den Autor: Markus Partheymüller

Eigentlich bin ich ja Informatiker. Mittlerweile interessiere ich mich allerdings auch mehr und mehr für die Fotografie, unter anderem auch für Basteleien für den etwas kleineren Geldbeutel.

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Kommentare

  1. Hallo,

    könntest du mir den Link schicken wie das Initialisieren geht?
    Kommentar von dir:
    „… streng nach Anlei­tung im Service-Manual die Ver­schluss­ein­heit „initia­li­sie­ren““

    Danke,
    Robert

  2. Hallo,

    noch einer… hab das selbe wie Du gefunden und auch meine nikon zerlegt. Jetzt funktioniert wieder alles, fast alles…. sie macht jetzt schwarze fotos.
    Spiegel & Verschluss geht aber auf…
    …wobei der Blitzkondensator ist nicht ohne, hab ihn irrtümlich auch kurz kurzgeschlossen, pofff…. aber der blitz geht auch noch.

    lg
    Robert

  3. Hallo und vielen Dank für den Hinweis auf „Verschlusseinheit initialisieren“. Bei meiner DF80 bleibt der Spiegel nach der Rep. irgendwo stehen. Magst Du verraten, wie die Initialisierung funktioniert?
    Vielen Dank, Jürgen

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