Liebe auf den ersten Blick

 Markus hat einen Fotowettbewerb von BW-Foto gewonnen. Gratulation dazu an dieser Stelle! Und weil ich nett bin, hab ich ihn beim Abholen seines Gewinns begleitet – eine folgenschwere Entscheidung…

Angekommen, das Wunderwerk der Technik Spielzeug (mit IQ-Erhöhung?!) in Empfang genommen, gequatscht und ein bisschen durch die Gegend geguckt. Übliches Prozedere bei einem Besuch bei Freunden. Doch was war das? Was steht denn da in der Vitrine beim An- und Verkauf?! Nein! Das kann doch nicht sein!

Die Sache schien kein gutes Ende zu nehmen. Da stand tatsächlich eine Nikon FM2, in einwandfreiem Zustand. Und mit einer alten manuellen Nikon, die Exa, Praktica & Co. Gesellschaft leistet, liebäugel ich ja schon eine Weile.

Und nun standen wir uns gegenüber, nur getrennt von der Glasscheibe der Vitrine. Langsam kamen wir uns näher, d.h. meine Nase der Glasscheibe. Man hatte Erbarmen, eilte mit dem Vitrinenschlüssel herbei. In der Zwischenzeit vergaß ich alles um mich herum. War Markus eigentlich noch da? War er mit seiner neuen Unterwasserkamera schon in der Elbe baden gegangen? Keine Ahnung.

Nikon FM2 da.

Ich hier.

Und dann hielt ich sie in der Hand. Vom Sucher wurde mir schon vorgeschwärmt. Groß und hell. Ein Blick hindurch. Es war um mich geschehen. Jetzt erst? Oder doch schon viel eher?

Schnell die Kamera wieder aus der Hand legen. Geplant und vorgesehen ist ein Kamerakauf überhaupt nicht, waren doch gerade erst Objektivinvestitionen an der Tagesordnung. Aber verdammt, kann man Liebe planen?

Meine Mundwinkel begaben sich auf Wanderschaft, auf eine Berg- und Talfahrt. Ich wippte unruhig von einem Bein aufs andere. Da stand sie vor mir auf dem Tresen. Wunderschön. Ich hatte schon fast ein „Ja, ich nehm‘ sie!“ auf den Lippen.

Doch hinterhergeworfen wird sie einem sicher nicht. Von der Seite drang das Angebot eines wirklich guten Preises vom Chef in mein Ohr. Für gute Kunden. Warum hindert mich denn niemand?

Markus trat wieder in Erscheinung, wenigstens ein bisschen. Er stand einfach nur grinsend neben mir. Oder hat er nur mit dem Kopf geschüttelt? Gegenüber stand der Mensch, der mir in diesem Jahr schon einiges aus der Tasche gezogen hat. Und grinst. Klar, er weiß genau wie es in mir arbeitet. Will mich immer noch niemand zurückhalten?

Okay. Schluss. Es reicht. Hinfort mit der Gefühlsduselei. Komm herbei, Rationalität! Was kann das Kind denn überhaupt?

Belichtungszeiten von 1/4.000 bis 1 Sekunde (bzw. Bulbmodus). Nicht schlecht. Filmempfindlichkeit bis ISO 6.400. Bitte was?! Das kann meine F60 nicht! Das konnte auch die D80 nicht.

Da war das Kind in den Brunnen gefallen. Es war alles zu spät. Ich hatte mich in dieses wunderschöne Stück Technik verliebt. Ich fand keine (wirksamen) Argumente die gegen einen Kauf sprachen. Jetzt versuchte erst recht niemand mehr mich aufzuhalten.

Die EC-Karte stattete ihrem guten Freund, dem Kartenlesegerät einen Besuch ab. Und das Schmuckstück war mein. Einen Film gab es auch noch dazu. Gefühlte 120.000 Augenpaare beobachteten mich nun dabei wie ich den Film einlegte, d.h. es versuchte, d.h. versuchte den Deckel zu öffnen. Ich war zu doof. Die Aufregung, die Aufregung!

Deckel auf, Film rein – am Ende doch irgendwie! Gleich die ersten Bilder gemacht: Posende Verkäufer Fotomedienfachmänner, darauf hat die Welt gewartet. Raus aus dem Laden, rein ins Leben. Fotos, Fotos, Fotos. Irgendwann mal noch gemerkt, dass die Kamera ja voll manuell ist und es vielleicht nicht die dümmste Idee wäre ab und an auch mal die Belichtung zu messen. Oder wenigstens zu schätzen.

Langsam gewöhnten wir uns aneinander, wurden kurz darauf in der Straßenbahn angesprochen, ob wir professionelle Fotografen wären. Und dieses und jenes. Spontan ging es noch ab in die Stadt. Und dann war der Film schon wieder voll. Also ging es gleich noch mal zum Labor:

„Ihr seid zu früh, Jungs! Eure Filme sind doch erst ab 17 Uhr fertig.“

Ja, es ist ja auch nur noch einer dazu gekommen. Und eine Kamera. Wir wären doch verrückt. Wahrscheinlich war damit vorrangig ich gemeint. Markus war ja nur mit, d.h. eigentlich war ja nur ich mit. Ursprünglich.

Der Film kommt zum anderen Auftrag dazu. Oder zu Markus‘? Schließlich hat er mich angestiftet? Jedenfalls würde er heute noch fertig.

Jetzt komme ich gerade vom dritten Besuch im Labor heute. Halte den Film in den Händen, habe ihn gescannt und freue mich über die ersten Ergebnisse.

Wenn mich jemand fragt, warum ich so grinse und durch die Gegend hüpfe, kann ich nur sagen:

Ich habe eine FM2!

Erklären kann man das nicht. Das ist einfach nur Fotografie. Liebe und Leidenschaft.

P.S.: Sind sie nicht ein hübsches Paar?

 

Über den Autor: Andreas Siegel

Fotografisch beschäftigen mich vor allem Konzerte und Tanz. In der Freizeit bleibt neben dem Medieninformatik-Studium in der Endphase im Moment wenig Zeit für ausführliche Fototouren. Wenn sich aber doch einmal die Gelegenheit bietet, mag ich es auch sehr völlig entschleunigt mit einer meiner zahlreichen (teilweise nahezu historischen) analogen Kameras unterwegs zu sein.

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Kommentare

  1. Hallo Andreas!
    Klasse Beitrag und sehr schön geschrieben!
    Du hast recht! Liebe kann man nicht planen, sie passiert einfach! Das habe ich auch schon am eigenen Leib erfahren!:)
    Viele Grüße
    Alex

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