Ich nutze Facebook und ich bin nicht stolz darauf.

Nachdem ich mich gerade erst über die Abgründe der Bildkritik ausgelassen habe, ist jetzt das nächste Thema dran. Diesmal geht es mir selbst an den Kragen, denn: Ich nutze Facebook.

Liebend gerne würde ich diesem Netz(werk) den Rücken kehren. Es ist ein bisschen so wie bei einer Spinne: Einmal im Netz, gibt es kein Entrinnen. Eine Freundin hat es vor kurzem trotzdem geschafft, einfach so, von jetzt auf gleich. Für viele kam die Entscheidung überraschend und sie bemerkten das erst an der um 1 gesunkenen Anzahl der Freunde und dem Verschwinden ihres Profils. Wir beschlossen in der nächsten Zeit über Skype zu kommunizieren. Ihr Skype-Name stand in den Kontaktinformationen auf dem Facebook-Profil, das wusste ich. Heraussuchen wollte ich ihn mir dann, nachdem sie ihr Profil deaktiviert hat. Ich Held! Mein Name steht genauso auf dem Facebook-Profil, zumindest für einige sichtbar, sie hat mich aber auch nur über die Skype-Suche gefunden. Da fühle ich mich doch gleich nicht mehr ganz so allein mit meiner Blödheit.

Dieses verdammte Facebook ist allgegenwärtig, alltäglich und irgendwie selbstverständlich. Und zum Kotzen. Seit ich Christoph Kochs „Ich bin dann mal offline“* gelesen (und zu meiner persönlichen Bibel erklärt) habe, will ich seinem Beispiel folgen und mich von dieser Schein-Parallelwelt verabschieden. Doch ich nutze es immer noch.

Ich kann mich nicht davon abkoppeln. Das heißt jetzt um Gottes Willen nicht, dass ich facebook-süchtig bin, bloß nicht! Ich kann mich aus ganz praktischen Gründen nicht abkoppeln. Die Präsenz gefühlter 150% der Weltbevölkerung (mindestens) sind das Problem – und die kurzen Verbindungswege dazwischen Dieses blaue Monster (womit ich jetzt nicht mal die Datensammel-Leidenschaft meine) ist einfach zum De-facto-Standard in jedem Bereich geworden. Die wenigen Ausnahmen sind dabei dann immer die, von denen ich ganz dringend auf kürzestem Wege etwas will – so wie gestern Abend BerlinLinienBus, anderes Thema.

Von vielen habe ich gar keine E-Mailadressen, Telefon- oder Handynummern oder gar Postanschriften mehr. Wozu auch? Der moderne Smartphone-Mensch stapft ohnehin mit permanent gesenktem Kopf durchs… naja… ich nenn es mal „Leben.“ 24/7 online. Eine Facebook-Nachricht und eine Push-Notification (oder einen gelangweilten Blick) später hat die Botschaft den Empfänger erreicht. Oft vergehen zwischen Senden und Lesen keine zwei Minuten, auch das sieht man ja neuerdings. Schnelle Kommunikation auf kurzen Wegen mit Freunden. Perfekt – zumindest solange keiner von beiden sein Profil deaktiviert. Das könnte zum kommunikativen Selbstmord werden.

So gut funktioniert das aber nur mit Freunden. Wird man von anderen angeschrieben, kann man Benachrichtigungen etc. vergessen. Facebook sortiert die Nachrichten schön unter Sonstiges ein, nur sichtbar direkt auf der Website und auch nur, wenn man im Bereich Nachrichten ist. Das kommt gut. Da findet man dann nach einigen Tagen Post einer Band, die am vergangenen Tag Fotos veröffentlichen wollte. Momente, in denen ich Facebook hasse!

Da sind wir aber auch schon genau bei dem Punkt, warum ich mich nicht von Facebook trennen kann. Musik, Bands, Locations, Veranstaltungen. Facebook ist mein Veranstaltungskalender, ein Stück weit Terminkalender, Draht zu Bands, Plattform zur Veröffentlichung. Neben Verantwortlichen erreicht man so auch Fans. Facebook hat sie alle.

Und dann gibt es da ja auch noch die Facebook-Seite zum Blog. Die wäre vielleicht verzichtbar, nicht aber die meines Arbeitgebers. Facebook hat mich fest im Griff. Und wenn man erst mal eine Weile in dieser Mühle steckt, entwickelt man doch ein gewisses Mitteilungsbedürfnis, auch für Schwachsinn. Darauf bin ich nun wirklich nicht stolz. Fluch und Segen eines Netzwerks, das wahrscheinlich alles ist – nur nicht sozial…

Ja, das ist ein bisschen off-topic. Na und? Muss auch mal sein.

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Über den Autor: Andreas Siegel

Fotografisch beschäftigen mich vor allem Konzerte und Tanz. In der Freizeit bleibt neben dem Medieninformatik-Studium in der Endphase im Moment wenig Zeit für ausführliche Fototouren. Wenn sich aber doch einmal die Gelegenheit bietet, mag ich es auch sehr völlig entschleunigt mit einer meiner zahlreichen (teilweise nahezu historischen) analogen Kameras unterwegs zu sein.

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Kommentare

  1. Ich nutze Facebook und ich bin nicht stolz darauf.

    Heul doch 😉

    Lieber Andreas,

    ich glaube, dass das auch ein bisschen Generationsproblem ist 😉 Ich – mittlerweile 58 – habe mein Facebook-Konto einst eingerichtet, weil ich bestimmte Beiträge sonst nicht hätte lesen und kommentieren können. Mittlerweile liege ich mehr als Datenleiche dort. Und es ist mir sch…egal.

    Facebook kommt mir vor wie ein pubertierender Teenager, der übernervös alle 2 Minuten auf sein Häääändi starrt, ob nicht endlich die nächste sinnfreie SMS – „Wo bist du gerade?“ „100 m hinter dir“ – erscheint. Völlig bescheuert und überflüssig.

    Die dämlichen Facebook-„Auffordeungen“: „Leute, die du kennen solltest“ – NEIN, sollte ich nicht!!!! – gehen mittlerweile ungelesen in den Spam-Ordner.

    >> Lie­bend gerne würde ich die­sem Netz(werk) den Rücken keh­ren. <> Eine Freun­din hat es vor kur­zem trotz­dem geschafft, ein­fach so, von jetzt auf gleich. <> Die­ses ver­dammte Face­book ist all­ge­gen­wär­tig, all­täg­lich und irgend­wie selbst­ver­ständlich. Und zum Kot­zen. <> Seit ich Chris­toph Kochs „Ich bin dann mal off­line“* gele­sen (und zu mei­ner per­sön­li­chen Bibel erklärt) habe, will ich sei­nem Bei­spiel fol­gen und mich von die­ser Schein-Parallelwelt ver­ab­schie­den. <> Und wenn man erst mal eine Weile in die­ser Mühle steckt, ent­wi­ckelt man doch ein gewisses Mit­tei­lungs­be­dürf­nis, auch für Schwach­sinn. <<

    Oh, auch da kann man an sich arbeiten. Zu meinen Canon-Tagen plärrte ich vor 10 Jahren auch im dforum: „Sie, die EOS xyzD, ist da…“ Was für eine Idiotie, was für ein Schwachsinn. Aber das kann man doch abstellen. Oder doch erst mit Ü30/Ü40/Ü50 ? 😉

    Viele Grüße

    Ralf

    1. Das sinnlose Rausposaunen von Nichtigkeiten kann man abstellen, richtig. Da bin ich auch dran. Aber dann kommt trotzdem noch das Generationen-Problem zum Tragen: Es gibt viele, die einfach am zuverlässigsten über Facebook zu erreichen sind. Andere Kanäle, die ich vielleicht lieber nutzen würde, scheinen überholt. E-Mails werden nur unregelmäßig gelesen und manche Kontaktdaten hat man gar nicht mehr, es gibt ja Facebook.

      Facebook will universelle Kommunikationsplattform sein, zwingt einem sogar eigene Mailadressen auf, die direkt in den Facebook-Eingang fließen, fängt dann aber an gegen meinen Willen Nachrichten so zu sortieren, dass ich sie unter Umständen (beispielsweise bei ausschließlich mobiler Nutzung) nie zu Gesicht bekomme – oder eben nur zufällig. Da passen Anspruch und Wirklichkeit dann nicht, das ärgert mich.

      Meine Beiträge sind nur für ein sehr differenziertes Publikum sichtbar, das in den allermeisten Fällen stark von der Masse der „Freunde“ abweicht und nur noch die enthält, denen ich wirklich etwa mitteilen will. Viele meiner „Freunde“ habe ich verborgen, weil mich ihre „Neuigkeiten“ nicht interessieren. So kann man mit dem Ding durchaus arbeiten. Aber ein gewisses Rauschen bleibt…

  2. Hallo Andreas

    „Aber dann kommt trotz­dem noch das Generationen-Problem zum Tra­gen: Es gibt viele, die ein­fach am zuver­läs­sigs­ten über Face­book zu errei­chen sind. Andere Kanäle, die ich vielleicht lie­ber nut­zen würde, schei­nen über­holt. E-Mails wer­den nur unre­gel­mä­ßig gele­sen und man­che Kon­takt­da­ten hat man gar nicht mehr, es gibt ja Face­book.“

    Ist das tatsächlich so schlimm? Würde mir im Traum nicht einfallen, nicht mehrmals am Tag in die Mailbox(en) zu schauen. Für mich ist Facebook mittlerweile wie: „Leute! Esst mehr Sch… Millionen Fliegen können nicht irren ;-)“

    Zu Beginn des Häääändi-Zeitalters wurde mitunter mit der damals noch vorhandenen, ausgezogenen – „eregierten“ – Antenne im Restaurant für alle sichtbar in die Richtung gewiesen, wo noch ein Platz frei ist. Booaah, der hat ein Häändie. Heute fliegst du zu recht aus dem Restaurant und außerdem hat sowieso jedes Hartz IV Proll ein Smartphone. Und für bestimmte, und nicht unwichtige Leute ist es ein Statussysmbol geworden eher NICHT (ständig) erreichbar zu sein!

    Und das kann ich vom Smartphone auch auf Facebook übertragen. Ich kann „sogar“ deaktivieren, dass es nicht dauernd vibriert, wenn eine Mail eintrifft. Ist meistens auch besser so, damit der Akku mal 5 Tage hält und nicht alle 1,5 Tage nachgeladen werden muss.

    „Face­book will uni­ver­selle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form sein, zwingt einem sogar eigene Mail­adres­sen auf, die direkt in den Facebook-Eingang flie­ßen, fängt dann aber an gegen mei­nen Wil­len Nach­rich­ten so zu sor­tie­ren, dass ich sie unter Umstän­den (bei­spiels­weise bei aus­schließ­lich mobi­ler Nut­zung) nie zu Gesicht bekomme — oder eben nur zufäl­lig. Da pas­sen Anspruch und Wirk­lich­keit dann nicht, das ärgert mich.“

    Oft wirkt eine reale Visitenkarte AUS PAPIER mit „vernüftiger“ Emailadresse, Telefonnummer und echter Postadresse viel seriöser, als der Fatzebuck-Sch… Und das kombiniert mit einem – ja, KUGELSCHREIBER für den „Datenaustausch“. Ganz peinlich wird es, wenn da ein 40+ oder noch schlimmer – Politiker – in Facebook auf jugendlich macht. Anbiederung pur!

    „Meine Bei­träge sind nur für ein sehr dif­fe­ren­zier­tes Publi­kum sicht­bar, das in den aller­meisten Fäl­len stark von der Masse der „Freunde“ abweicht und nur noch die ent­hält, denen ich wirk­lich etwa mit­tei­len will. Viele mei­ner „Freunde“ habe ich ver­bor­gen, weil mich ihre „Neu­ig­kei­ten“ nicht inter­es­sie­ren. So kann man mit dem Ding durch­aus arbei­ten. Aber ein gewis­ses Rau­schen bleibt…“

    „ISO-Zahl senken“, Facebook noch weiter runterfahren, dann wird auch das Rauschen geringer 😉

    Viele Grüße

    Ralf

  3. Der Mensch ist eben ein soziales Wesen, und wenn die Kommunikation über Facebook normal wird, benutzen normale Menschen einfach Facebook. Aber vor allem haben schon seit beginn des www die Leute ungefragt ganz viele persönliche Details für alle Welt lesbar veröffentlicht und tun es auch weiterhin mit oder ohne Facebook. Wie bei allem im Leben gilt es einfach, das richtige Mass für sich selbst zu finden, wenn man nicht im Bödsinn der Kurzkommunikationen versinken will.

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