Mit 40 Euro zum 80-200mm f/4 mit Belichtungsmessung

„Kanns ja gar nicht geben“ – das wird wohl der erste Gedanke sein, wenn man diesen zugegeben sehr plakativen Spruch zu hören bekommt. Oder das Objektiv ist kaputt, verschimmelt oder sonst irgendwelcher Mist. Noch heftiger dürften die Reaktionen ausfallen, wenn ich dazu sage, dass die Linse selbst läppische zehn Euro gekostet hat. Aber von vorn.

Einstieg in die Spiegelreflexfotografie

Im Wesentlichen zwei Ereignisse haben den schon lange latent in mir wohnenden Drang nach etwas gehobenerer Fotografie so übersteuert, dass ich mir kurzerhand eine SLR angeschafft habe: Ein paar erste Erfahrungen mit der alten Contax meines Vaters und dann die Gelegenheit, mal ein paar Sportfotos mit einer Canon 7D und einem 2,8/300mm-Teleobjektiv zu schießen. Es hat einfach wahnsinnig Spaß gemacht einmal in die Welt einzutauchen, wo nicht der Zoomfaktor der Knipse wichtiger ist als die optischen Eigenschaften oder Einstellmöglichkeiten. Der Wunsch nach einer eigenen SLR war geboren.

Analog sollte es erstmal sein, hauptsächlich aus Kostengründen. Außerdem erhoffte ich mir eine bessere Übung durch bewussteres Fotografieren. Nach ein wenig Suchen bin ich auf eine Nikon F65 inkl. Kitobjektiv ganz in meiner Nähe gestoßen, die mit 50 Euro für mich einen guten Preis hatte. Hier kam nun der letzte wichtige Faktor ins Spiel: Die sozialen Kontakte. Bei der Beurteilung der F65 habe ich mir Hilfe bei Andi geholt und so ist der Stein letztendlich ins Rollen gekommen. So einige weitere Gespräche arteten in mehr oder weniger Fachsimpelei aus und sorgten wohl erst dafür, dass das aufkeimende Interesse nicht mangels “Sauerstoffzufuhr” wieder abstirbt. Nach kurzer Rückversicherung bin ich dann also hingefahren und hab mir das gute Stück mitgenommen. Die neu entdeckten Möglichkeiten waren natürlich im Vergleich zu der Kodak EasyShare z740 grandios, aber durch das Standard-Objektiv schnell erschöpft.

Also musste ein weiteres Objektiv her, das allerdings möglichst günstig, da dieses neue Zusatzhobby erstmal nicht zu schnell zu viel Geld verschlingen sollte. Prinzipiell offen für alles ist mir dann in der routinemäßigen Buchtsuche ein 80-200mm f/4 Teleobjektiv mit manuellem Fokus aufgefallen, das kurz vor Ablauf der Auktion bei ca. 5 Euro stand. „Was solls“, dachte ich und habe für 10 Euro den Zuschlag bekommen. Das mit dem manuell Fokussieren wird schon funktionieren, wenn sich das Motiv nicht grade bewegt.

Die Sache mit der Belichtung

Eine andere Sache wurde mir allerdings sehr schnell lästig, da sie zu amüsanten Ergebnissen führte:

Das Problem: Die F65 ist zwar eine sehr “moderne” analoge SLR, braucht aber für die Belichtungsmessung ein Objektiv, das mit ihr spricht. Da dieses Altertum von Glasbaustein jedoch keinerlei Kontakte dafür besitzt, fiel das aus. Im Klartext heißt das: Manueller Modus und keinerlei technische Helfer. Ich habe mir dann versucht, durch vorheriges Ansetzen des Kitobjektivs die Belichtung auszumessen oder eine iPod touch App eine Belichtungszeit für gegebene ISO und Blende ausrechnenwürfeln zu lassen. Wenn man viel Zeit hat, funktioniert das sogar recht ordentlich:

Es ist allerdings unheimlich lästig und muss eben auch nicht immer gutgehen. Ganz zu schweigen vom Zeitaufwand: Schnelle Schnappschüsse sind einfach nicht drin.

Objektivkontakte Marke Eigenbau

So ganz einleuchten wollte mir nicht, dass die Belichtungsmessung, die mit dem Objektiv eigentlich gar nichts zu tun hat, nicht funktionieren soll. Dass die Automatiken nicht gehen, ist ja klar, wenn die Kamera nicht weiß, welche Blenden es zur Verfügung hat. Aber mir wenigstens bei eingestellter Blende und Belichtungszeit mitteilen, ob das Bild korrekt oder über-/unterbelichtet wird, sollte doch wohl im Rahmen des Möglichen sein. Also habe ich wieder recherchiert, was es dazu an Themen gibt. Und da bin ich auf die interessante Aussage gestoßen, man könnte alte manuelle Objektive mit einer CPU nachrüsten.

Das Ganze nennt sich “Dandelion Chip” und soll bei vielen Objektiven sehr einfach sein. Nach ein wenig reiflicher Überlegung empfand ich die Investition als gerechtfertigt und habe mir so ein Teil bei nikonclassics.de bestellt. Die Rechnung ist jetzt einfach: Im Titel steht 40 Euro, das Objektiv hat aber nur 10 gekostet. Richtig: Der Chip sind die restlichen 30 Euro und kommt dafür wahnsinnig winzig daher:

Foto: filmprocess.ru

Bastelstunde

Die Montage ist wirklich richtig einfach – unter einer Voraussetzung: Am Bajonett des Objektivs muss genug Platz sein. Das war bei mir aber glücklicherweise der Fall und so konnte ich das Teil einfach mit handelsüblichem Sekundenkleber befestigen. Die korrekte Ausrichtung ist hier von großer Wichtigkeit, da sonst der Kontakt nicht hergestellt werden kann – logisch.

Nachdem ich mir relativ sicher war, dass der Kleber das Anstecken überleben würde, konnte ich meine Neugier nicht mehr zurückhalten. Das Anschalten der Kamera brachte ein völlig neues Bild zum Vorschein: Das Objektiv lügt jetzt meiner F65 die Taschen voll und behauptet, als einzige Blende 2.8 anzubieten. Soweit so gut, denn das ist die Standardprogrammierung des Chips. Es scheint also tatsächlich zu funktionieren. Doch wie bringt man dem Chip jetzt bei, dass die Kamera Blenden von 4 bis 22 auswählen kann?

Programmieren – The Dandelion’s Way

Die Programmierung des Chips ist ein Hexenwerk. Anders kann ich diesen unheimlich lustigen Prozess nicht beschreiben. Zuerstmal musste ich feststellen, dass dieser Vorgang nur mit einer digitalen SLR durchführbar ist. Also habe ich samt Objektiv und Kamera den Andi besucht und mit s(m)einer D80 den Chip instruiert. Los geht’s mit einer magischen Sequenz von Bildern mit 1s – 5s – 1s Belichtungszeit. Hierfür muss übrigens eine Speicherkarte eingelegt und die automatische Bildansicht deaktiviert sein, sonst verweigert die Magie ihren Dienst.

Hat man die Sequenz erfolgreich in die Kamera gedrückt, fängt sie an zu spinnen: Sie wechselt im Sekundentakt die Werte auf dem Display. Anhand der Anleitung für den Chip findet man dann heraus, dass man bei ganz bestimmten Anzeigen wieder Bilder mit 1” Belichtungszeit schießen muss, um die Werte einzustellen. Zuerst befindet man sich im Hauptmenü und wählt mit einem Schuss den gewünschten Unterpunkt aus – z.B. Kleinste/Größte Blende oder Brennweite. Dann schaltet die Kamera wieder Werte durch und man kann beim entsprechenden wieder einen Schuss setzen, um ihn einzuspeichern. Danach ist die CPU erschöpft und legt sich wieder schlafen. Mit einer erneuten magischen Sequenz kann man das Ganze für jeden einzustellenden Wert wiederholen.

Und was hat das jetzt gebracht?

Manch einer wird sich jetzt fragen, was der ganze Aufwand denn überhaupt soll. Ganz einfach: Da die Aktion tatsächlich funktioniert hat, habe ich jetzt ein 80-200/4 Telezoomobjektiv, das zwar nur manuell fokussiert, dafür allerdings in allen Modi (P, A, S, M) mit der Belichtungsautomatik der Kamera genutzt werden kann.

Das Fokussieren kann man sich sogar noch dadurch erleichtern, dass man die Kamera trotzdem auf AF stellt. Bei der F65 führt das dazu, dass beim Drücken des Auslösers nur ausgelöst wird, wenn eine Fokussierung erkannt wurde. Man kann also einfach leicht unscharf abdrücken und dann (vorausgesetzt, das Motiv befindet sich im AF-Messfeld) vorsichtig in hin- und herfokussieren, bis die Kamera auslöst. Bei ruhigen Motiven ist das eine ganz gute Hilfe. Und das Wichtigste: Bezahlt habe ich dafür 40 Euro und ein wenig Zeitaufwand. Außerdem hat es einfach Spaß gemacht.

Zeigen.

Und da ich erst kürzlich vom Lernen eine Pause brauchte, nutzte ich diese neu gewonnen Funktionen, um ein paar Bilder vom aufkeimenden Frühlingswetter zu machen. Gerade bei Sonnenschein ist so eine Belichtungsmessung wirklich Gold wert. Mit den Ergebnissen bin ich auf jeden Fall sehr zufrieden und freue mich auf weitere Experimente und Erfahrungen.

Über den Autor: Markus Partheymüller

Eigentlich bin ich ja Informatiker. Mittlerweile interessiere ich mich allerdings auch mehr und mehr für die Fotografie, unter anderem auch für Basteleien für den etwas kleineren Geldbeutel.

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Kommentare

  1. Sehr schön!

    Aber wenn ich wie 2012 wieder etwas mehr analog experimentieren möchte, greife ich gleich zur reaktivierten und komplett manuell gesteuerten Nikon F2. Unterstützt durch den immer noch hervorragenden Sekonic Handbelichtungsmesser und Erfahrung.

    Und statt ein 10 Euro Zoom per 30 Euro Chip aufzupeppen, damit es auf einer F65 läuft, nehme ich lieber eine 50 Euro Nikon FE und ein Original-Nikkor, das je nach Brennweite und Zustand auch für Beträge unter 50 Euro zu haben ist. OK, die FE hat „nur“ Zeitautomatik. Und wenn es weniger Geld sein soll, ein Handbelichtungsmesser ist mit Glück für 25 Euro zu haben. Und damit lernt man noch mehr!

    ABER: sehr schöner Bericht! Ich bin Fan von Basteleien 😉

    Ralf

    1. Ich liebe auch die fast schon meditative manuelle Analogfotografie, insbesondere im Mittelformat. Aber auch dafür muss die Ausrüstung eben vorhanden sein – es hat ja nicht jeder eine ganze Reihe verschiedenster Kameras im Schrank stehen. 😉

      Belichtungsmessung ist aber auch günstiger zu haben. Die erwähnten Apps sind dabei nur eine Möglichkeit. Eine andere sind alte, oft batterielos betriebene Belichtungsmesser. Ich selbst nutze einen „Excelsior3“, den ich für 5 Euro im Fotoladen gekauft habe. Wenn man auf die Jagd nach Weimarlux & Co. geht, ist es nur wichtig darauf zu achten, dass die Belichtungsmesser nicht schon ewig offen im Schaufenster liegen.

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