Die Ästhetik des Mülls

unbearbeitetes Analogfoto

Analogfotos sind Müll. Wären Retro und Vintage nicht so in, würde doch kein Mensch analoge Fotos bestaunen, geschweige denn auch nur ansehen. Die Dinger sind einfach Dreck, gehören weggeworfen.

Was hat das mit Ästhetik zu tun?

Was ein analoges Foto auszeichnet ist doch der Inbegriff der Grausamkeiten für jeden Fotoenthusiasten: Staub, Kratzer, Flecken, Fusseln. Vom Scannen sind sie ganz schief und haben in den meisten Fällen auch noch irgendeinen unschönen Rand.

Davon, dass sie grobkörnig und unscharf sind sowie sich durch verfälschte Farbwiedergabe auszeichnen, will ich gar nicht erst anfangen.

Sollte Fotografie nicht die Realität so genau wie möglich abbilden? War das nicht der Grund, warum die Fotografie die Malerei abgelöst und nebenbei eine Abkehr derselben vom Realismus ausgelöst hat? Doch was haben farbstichige, ausgeblichene und kontrastarme Bilder mit Realität und Realismus zu tun?

Gar nichts!

Die Begeisterung für analoge Fotos ist nichts anderes als eine Glorifizierung des Fehlers. Der Mangel wird für viele zum Ziel aller Träume. Endlich gibt es einen Ausweg aus der schrecklich perfekten Welt der Digitalfotografie, die nichts anderes als Perfektion kennt. Das kleinste Staubkorn wird weggestempelt, Horizonte erweitert, wo keine mehr sind. Es ist eine einzige Lüge – kein Wunder, dass das Foto seine Beweiskraft verliert. Lügen taugen nicht als Zeugnis.

Glücklicherweise gibt es da noch die Analogfotografie. Qualitativ sind analoge Fotos zwar Schund, wenigstens zeigen sie uns die Welt aber in ihrer realen unperfekten Form. An der Perfektion war doch schon immer etwas faul. Sind es nicht die Fehler, die etwas erst liebenswert machen?

Schade ist nur, dass die „analogesten“ Fotos auch auf einem Chip entstanden – nicht auf Film. Da kann etwas noch so liebenswert sein, am Ende steht doch die Lüge, die Enttäuschung.

Über den Autor: Andreas Siegel

Fotografisch beschäftigen mich vor allem Konzerte und Tanz. In der Freizeit bleibt neben dem Medieninformatik-Studium in der Endphase im Moment wenig Zeit für ausführliche Fototouren. Wenn sich aber doch einmal die Gelegenheit bietet, mag ich es auch sehr völlig entschleunigt mit einer meiner zahlreichen (teilweise nahezu historischen) analogen Kameras unterwegs zu sein.

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Kommentare

    1. Die Frage ist dann nur, was man als Ergebnis definiert. Out of camera ist das (End-) Ergebnis ja in den allerwenigsten Fällen…

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