Geld aus dem Familienalbum

Kinderfoto Ist das nicht ein schönes Bild? Ich habe es vor einigen Jahren aus dem Familienalbum gescannt, das dürfte der übliche Weg sein an Fotos wie dieses zu gelangen. Oder ist das der übliche Weg gewesen?

Vor einiger Zeit wurde aber der Chic vergangener Tage neu entdeckt. Was „retro“ ist, ist also total in. Damit muss sich doch auch Geld verdienen lassen. Microstock-Agenturen sind populär. Warum sollte man da nicht auch alte Fotos anbieten statt sich zum Beispiel nur auf neue Fotos mit „Retro-Kameras“ zu beschränken? Das ganze Familienalbum ist voller Fotos voller Charme längst vergangener Tage. Die Bildquelle sprudelt, die Geldquelle könnte es ihr gleich tun.

Dieser Verlockung sollte man unbedingt widerstehen, obwohl das Geld aus dem Familienfotos doch wie ein zweites Erbe sein kann. Was spricht denn aber nun dagegen?

Zu allererst sollte der gesunde Menschenverstand und die hoffentlich vorhandene Moral protestieren. Überlegen wir mal kurz: Oma ist heute um die 80 Jahre alt. Wenn sie ein Fotoalbum hat, finden sich darin bestimmt Fotos, die so alt sind wie sie selbst. Vielleicht hat sie ja auch noch geerbte Alben. Dann sind die Bilder locker über 100 Jahre alt.

Vor 30, 50, 70 oder 100 Jahren hat aber bestimmt niemand daran gedacht seine Familienfotos bei Bildagenturen anzubieten und zur kommerziellen Verwendung freizugeben. Mit welchem Recht maßen sich manche Enkel oder Urenkel jetzt an genau das zu tun?!

Will man ein Foto bei einer Bildagentur anbieten, muss man a) der Urheber des Fotos sein oder das Einverständnis des Urhebers zur Veröffentlichung haben und b) müssen die abgebildeten Personen grundsätzlich ebenfalls ihr Einverständnis erklärt haben.

Das Urheberrecht geht mit dem Tod des Urhebers an dessen Erben über und bleibt 70 volle Jahre bestehen, ist also kein Problem.  Auch das allgemeine Persönlichkeitsrecht, zu dem das Recht am eigenen Bild gehört, erlischt mit dem Tod. Rechtlich ist die Bahn also frei für das die Geldquelle Familienalbum.

So muss also jeder für sich selbst entscheiden, ob er die Fotos aus dem Familienalbum – und damit auch seine Erinnerungen und seine Familie – verkauft und in unbekannte Hände gibt. Eigentlich ist dabei also egal, ob das Fotos vom Nachwuchs oder den Vorfahren sind. Gemeinsam haben beide nur, dass sie noch nicht oder nicht mehr über ihr Bild bestimmen können.

Auch wenn die Jüngsten noch so süß und niedlich sind, die Erinnerung an Uroma und Uropa schon völlig verblasst ist, haben die Fotos in der Werbung nichts verloren! Die Bilder von ihnen sollten doch bleiben, wo sie sind und wohin  sie gehören: im Herzen und im Fotoalbum.

Und wenn die Babyfotos so werbetauglich sind, kann Baby auch darüber entscheiden, wenn Baby kein Baby mehr ist. So viel Zeit und Respekt muss sein, Zeit für Würde. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Über den Autor: Andreas Siegel

Fotografisch beschäftigen mich vor allem Konzerte und Tanz. In der Freizeit bleibt neben dem Medieninformatik-Studium in der Endphase im Moment wenig Zeit für ausführliche Fototouren. Wenn sich aber doch einmal die Gelegenheit bietet, mag ich es auch sehr völlig entschleunigt mit einer meiner zahlreichen (teilweise nahezu historischen) analogen Kameras unterwegs zu sein.

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